Die Geige im Jazz

Die Geige gehört sicherlich auch heute noch zu den selteneren Instrumenten im Jazz. Dieses hat drei mögliche Gründe:
 

1. Die Geige ist ein Instrument klassischer Prägung, welches nicht direkt ein perkussives bzw. perkussiv-spielbares Instrument ist. In einer rhythmisch geprägten Musik wie dem Jazz ist das eher hinderlich. Perkussiv bezieht sich hier auf den Tonansatz.
 

2. Ein weiterer Grund ist auch die Lautstärke der Geige, die im Zusammenspiel mit Bläsern und Schlagzeug oft zu leise ist.
 

3. Es spielt auch die Erlernbarkeit des Instrumentes Geige eine Rolle, da in den 20-30er Jahren des letzten Jahrhunderts ein hoher Prozentsatz an Autodidakten in der Jazzmusik anzutreffen war.
Dadurch ist auch die Tatsache begründet, dass die meisten Geiger des frühen Jazz europäischer Herkunft waren.
Trotz dieser drei Gründe tauchen in der frühen Jazzmusik, die ja zu einem großen Teil Unterhaltungsmusik bzw. Tanzmusik war, immer wieder Geiger auf.
 

Die Geige in der europäischen Musik

Die Entstehung der heutigen Form der Violine kann man bis ins 16.Jahrhundert zurückverfolgen. Ab 1550 finden sich Hinweise über Geigenbauer in Norditalien. Diese Geigen, die etwa der heutigen Form der Violine entsprechen, hatten im Wesentlichen zwei musikalische Funktionen. Erstens wurde damit Tanzmusik gespielt zum Zweiten diente sie der Verdoppelung von Chorstimmen.
Die Geige war maßgeblich beteiligt an der Entwicklung von neuen Formen wie Triosonate, Solosonate mit Continuo. In der Oper entwickelten sich eigenständige obligate Stimmen, die durch die Geige zur Aufführung kamen. Man kann also davon sprechen, dass die Geige das bevorzugte Instrument der musikalischen Avantgarde Nordeuropas gewesen ist. Zu Beginn des 18.Jahrhunderts kommen neue Formen auf: das Concerto Grosso, das Solokonzert, die klassische Sonate und die Symphonie, an denen die Geige ebenfalls erheblich mitgewirkt hat. Vor allem die Form des Streichquartetts seit 1750/60 durch Haydn und Boccerini ist hier zu nennen. Diese Formen bestanden im 19.Jahrhundert weiter und es kam zusätzlich zu einer Verknüpfung von städtischer Unterhaltungsmusik und Vermarktung von Musik. Johann Strauß mit seinen Walzern spielt hier eine besondere Rolle.
Allerdings setzt auch ab der Mitte des 19.Jahrhunderts eine neue Verschiebung hinsichtlich der Komponisten von der Geige zum Klavier ein. Möglicherweise sind die Gründe dafür in der Bedeutung der Melodie, die ab 1600 eher im Vordergrund stand zu suchen, wogegen ab dem 19.Jahrhundert die Harmonie mehr im Vordergrund stand. Denkbar ist auch die Veränderung der höfischen zur bürgerlichen Musikkultur als Grund mit anzuführen.
Ein weiterer Punkt des zunehmenden Verschwindens der Geige aus der Tanzmusik kann auch mit der endgültigen Trennung von Tanzmusik und symphonischer Musik ab der Mitte des 19.Jahrhunderts angesehen werden. Es bildeten sich öffentlich subventionierte Symphonieorchester und daraus ergab sich eine Abspaltung der Tanz- und Kirchenmusik. Die Bedeutung der Geige in der städtisch oder kirchlich finanzierten E-Musik ist erhalten geblieben. Auf der anderen Seite sank aber ihre Bedeutung in der U-Musik, so auch im 20.Jahrhundert in dem afro-amerikanische Musikgattungen dominieren.


Die Geige in der afrikanischen Musik

Nach Gläß gibt es gestrichene lautenartige Instrumente „in Afrika nur dort, wo der Einfluß der arabischen oder islamischen Kultur spürbar ist....Sowohl bei vielen sudanischen Völkern als auch bei einigen Südost- und Ostbantukulturen am Ostrand Afrikas sind gestrichene Saiteninstrumente schon im 18. und 19.Jahrhundert verbreitet gewesen. Aus beiden Kulturkreisen sind Afrikaner/innen als Sklavinnen und Sklaven nach Amerika verschleppt
worden.”

Gläß schließt hieraus, dass die verschleppten Afrikaner/innen ihr vertrautes Spiel gestrichener Saiteninstrumente in Amerika fortsetzen konnten. Bezüglich der Verwandtschaft dieser Instrumente mit der europäischen Geige kann man darauf verweisen, dass beide gemeinsame Ahninnen im Islamisch-arabischen Kulturkreis haben.
Für mich ist an dieser Stelle interessant, in welcher Art und Weise die Schwarzen diese Instrumente spielten. Möglicherweise sind der Klang und die Spielweise auch islamisch oder arabisch beeinflußt. Dieses könnte man nur an Hand von Tonbeispielen überprüfen, die neueren Datums sind. So sind für die Zeit vor 1900 keine gesicherten Erkenntnisse vorhanden.
Bei der westafrikanischen Goge bei dem Stamm der Hausa zeigt sich, dass die gestrichenen Saiteninstrumente zu den geschlagenen Instrumenten zählen. Die Hausa unterscheiden sprachlich zwischen schlagen, blasen und trommeln, demnach sind die Spieler/innen dieser Instrumente Trommler/innen.
Abschließend kann man feststellen, dass die afrikanische Musiktradition ihren Schwerpunkt im rhythmischen Instrumentarium hat, allerdings sind Streichinstrumente wohl nicht gänzlich unbekannt gewesen.
Für mich ist an dieser Stelle die Fragestellung wichtig, in welcher Form Sklaven aus Afrika die europäischen Musikinstrumente, im speziellen, die Geige, gespielt haben, und in welcher Art und Weise sie diese zum Klingen gebracht haben.


 Die Geige in der Musik Nordamerikas im 18. und 19.Jahrhundert

Ab Anfang des 18.Jahrhunderts finden wir Hinweise darauf, dass schwarze Sklaven auf Plantagen zum Tanz geigten, oder auch zu anderen Gelegenheiten zur Aufführung von Musik vermietet wurden. Diese Gastspiele stellten für die Schwarzen ein Privileg dar, welches sich in ökonomischer Hinsicht auszahlte. Gespielt wurde meistens Tanzmusik.
Hier tauchte die Geige meist in kleinen Ensembles mit Banjo und Kleinperkussion auf. Ob die Musik, die die Schwarzen gespielt haben eher europäische oder afrikanische Züge enthielt kann nicht genau geklärt werden.
Hinzu kommt noch, dass die afrikanischen Sklaven auch für ihre eigenen Feste Musik gemacht haben, hier wird immer wieder die Negro-Jig und der Congo erwähnt.
Im Verlauf des 19.Jahrhunderts verändert sich das Musikleben der Schwarzen ein wenig. Es kamen verstärkt Blaskapellen zur Aufführung.
Nach Gläß lassen sich trotzdem drei Musikformen (Musikgruppen) unterscheiden in denen die Geige eine Rolle gespielt hat:
1. In den erwähnten Minstrel Shows. Instrumentierung: Geige, Banjo, Tambourin und Bones.
2. In den Society-Dance-Orchestras, mit Geigen besetzte Ensembles zur Unterhaltung von Bällen, Versammlungen, zur Begleitung von Chören und in Kirchen, also im Erbe des europäischen geprägten Kulturlebens.
Dazu gehört auch das Geigen der Louisiana Creoles of Color. Diese Musiker orientierten sich kulturell an der statushöheren euroamerikanischen Bevölkerung.
Die musikalische Ausbildung fand oft bei europäischen Orchestermusikern (oder zumindest europäischer Herkunft) statt: im Notenlesen und im Vom-Blatt-Spiel. Außerdem kannten sie das Repertoire der europäischen Kunstmusik des 19.Jahrhundert und die Tongebung war am Ideal des Wohlklanges orientiert. Vor allem improvisierten sie sehr wahrscheinlich nicht.
3. Im Ragtime, der zu Beginn mit Kleinperkussion, Geige und Banjo gespielt wurde. Nach 1860 wurde dieser Musikstil auf das Klavier übertragen, wodurch der Einfluß der Geige schwand.

Die Geige in den verschiedenen Jazzstilen

In den verschiedenen Stilen des Jazz finden wir die Grundelemente des Jazz unterschiedlich stark vor. Welche Rolle die Geige in den jeweiligen Stilen hatte hängt sehr stark von der Möglichkeit ab, die jeweils vorherrschenden Elemente des Jazz auszudrücken. Deshalb möchte ich zu Beginn, die bekannten Stile kurz zeitlich eingliedern und charakterisieren.
Um einen besseren zeitlichen Überblick über die Jazzstile zu bekommen, habe ich eine Zeittafel aus dem Jazzbuch von Joachim-Ernst Berendt übernommen.
 

New Orleans Stil und Dixieland

Eine Vorreiterrolle kommt sicherlich der Stadt New Orleans zu, in der sich ab 1900 der sogenannte New Orleans Stil entwickelt hat, mit seinem „weißen” Pendant Dixieland. Die Gründe hierfür sind sicherlich darin zu suchen, dass New Orleans in dieser Zeit als „Hexenkessel der Rassen und Völker”charakterisiert wird.
Entgegen der Annahme New Orleans sei die einzige Stadt gewesen in der zu dieser Zeit Jazz gespielt wurde, finden wir auch in Memphis, Kansas City, Dallas, St.Louis und „anderen Städten des nordamerikanischen Südens ähnliche Spielweisen”.
Ich möchte hier auf den Umstand hinweisen, dass es im Süden der USA zwei Gruppen in der schwarzen Bevölkerung gegeben hat. Die sogenannten kreolischen Schwarzen und die amerikanischen Schwarzen. Die Kreolen Louisianas sind hervorgegangen aus der französisch kolonialen Mischkultur.Der Unterschied zu den amerikanischen Schwarzen besteht darin, dass ihre Vorfahren schon vor dem amerikanischen Bürgerkrieg frei gewesen waren.
 „Viele von ihnen wurden von den reichen französischen Pflanzern und Handelsherren auf Grund besonderer Verdienste freigelassen.”

Diese Kreolen waren nach Berendt stark von der französischen Kultur geprägt, hingegen die sogenannten amerikanischen Schwarzen, die meist Herren angelsächsischer Herkunft hatten, waren die „wilderen”, die „afrikanischeren”.
So schlägt sich auch die Verschiedenheit dieser beiden Gruppen in der Musik des New Orleans Stil nieder. Berendt unterscheidet diese Gruppen in musikalischer Hinsicht wie folgt: „Die kreolische Gruppe ist die kultiviertere und gebildetere (mit guten Kenntnissen im Notenlesen); die amerikanische ist die vitalere und spontanere (die ihre Musik oral tradierte)...”

Der New Orleans Stil ist gekennzeichnet durch drei melodische Linien die im Allgemeinen durch Kornett (Trompete), Klarinette und Posaune zum Vortrag kommen. Das Kornett hat hierbei die musikalische Führung, im Kontrast zur Posaune, die melodisch eine Art tiefe Gegenstimme spielt, und umrankt wird das Ganze von der Klarinette. Die Stimmeinsätze sind meistenteils hintereinander, es entsteht nur zufällig Mehrstimmigkeit. Dazu kommt die Rhythmusgruppe von Baß (Tuba), Schlagzeug, Banjo (Gitarre) und manchmal Klavier.
Die Ähnlichkeit zum europäischen Marschrhythmus ist noch vorhanden mit Betonungen auf 1 und 3.
Dieser Stil des frühen Jazz bis zum Swing wird auch als „Two-Beat-Jazz” bezeichnet.
Durch die Improvisationen und das sogenannte „Hot-Spiel” ist diese Musik eindeutig dem Jazz zuzurechnen.

Zu Beginn des Jazz, der ja wie bereits erwähnt eine stark von Schwarzen geprägte Musik war (ist), finden wir trotzdem auch Bands mit weißen Musikern. Papa Jack Laine gehört zu den bekanntesten Vertretern dieses Musikstils. Im Wesentlichen sind die Unterschiede zum Dixieland eher fließend. Die weiße Spielart des New Orleans Stil wird allgemein als Dixieland bezeichnet.89
Der einzige Unterschied besteht vielleicht darin, dass die Spielart technisch versierter ist und weniger Ausdruck hat.
Ich möchte an dieser Stelle noch einmal Berendt zitieren, der zur Entstehung des Jazz, in denen der New Orleans Stil und der Dixieland eine große Rolle gespielt haben, davor warnt, sowohl das weiße als auch des schwarze Element zu überbetonen.
„Im Zueinander der Rassen, das so wichtig in der Entstehung und in der Entwicklung des Jazz ist, liegt das Symbol für das >Zueinander schlechthin<, das den Jazz in seinem musikalischen, nationalen und internationalen, sozialen und soziologischen, politischen, ausdrucksmäßigen und ästhetischen, ethischen und ethnologischen Wesen kennzeichnet.”90

Die Beurteilung der Rolle der Geige in der Frühzeit des Jazz ist äußerst schwierig, da es im Grunde keine Primärliteratur gibt und auch keine Schallplattenaufnahmen vorhanden sind. Schallplattenaufnahmen sind ab etwa 1920 als Quellen hinzuzuziehen.91
Als zweiter Faktor kommt hinzu, dass die Qualität dieser Aufnahmen eher als schlecht (im heutigen Sinn der Aufnahmetechnik) angesehen werden muß. Die Blasinstrumente sind hier überwiegend im Vordergrund, wogegen selbst das Schlagzeug schlecht zu hören ist.92
Hier kann man keine verbindlichen Rückschlüsse ziehen ob die Geige vorhanden gewesen ist, oder nicht.
Festzuhalten ist, dass das Instrumentarium des frühen Jazz, mit Ausnahme des Schlagzeugs, europäischer Herkunft war.

Trotz der Tatsache, dass die Geige nicht zu den Hauptinstrumenten des Jazz zählt, ist sie in der Frühzeit des Jazz (z.B.durch Bildnachweise ersichtlich) in Bands zu finden.
„von den 133 Bands aus New Orleans im Zeitraum zwischen 1885 und 1935 hatten 30 eine oder mehrere Geigen, also etwas mehr als ein Fünftel. Die 21 Brassbands waren per definitionem ohne Geigen, eine der 15 Dixieland-bands hatte ungewöhnlicherweise doch eine Geige, die 2 String-bands hatten beide Geigen, bei den 27 Jazz-bands finden sich immerhin in sechsen Geigen, also bei etwas mehr als einem Fünftel, von den 49 Dance-Orchestras hatten 20 Geigen, also ungefähr zwei Fünftel.” 93

Weiterhin ist zu beobachten, dass eine beträchtliche Zahl der Geiger in den Bands gleichzeitig die Leader der Gruppe waren. Ein interessanter Aspekt, der für die weitere Geschichte der Jazzvioline von Bedeutung ist. Diese Geiger suchen sich beruflich diesen Weg, eine andere Gruppe, wie sich später zeigt, schlug einen anderen Karriereweg ein.
Gläß meint dieses wäre zurückzuführen auf die Tradition der Geige in der Tanzmusik und in der Kunstmusik europäischer Prägung, in der der Geige die Führungsrolle zukommt.94
Die Namen der Geiger die auftauchen waren zur Hälfte französischer oder spanischer Herkunft.
Diese Musiker waren möglicherweise Nachkommen der Louisiana Creoles of Color, eine Gruppe von Schwarzen, die sich (s.S.16) speziell an französischen Vorbildern orientierte.
Auf die Frage, wie die Geige in dieser Zeit geklungen hat, kann man auch nur spekulieren. Die Rolle der Geige innerhalb der Bands soll von Jelly Roll Morton einem der führenden Jazzmusiker (kreolischer Herkunft) so beschrieben worden sein:
„The violin was never known to play illegitimately even in New Orleans” 95

Dieses meint, dass die Geiger dieser Zeit wahrscheinlich legitim spielten d.h. sie spielten was in den Noten steht aber eben nicht illegitim, also improvisierten nicht.
Doch für die Artikulation, Tongebung und die Phrasierung der Musik kann vermutet werden, dass die Schwarzen das Material, wie schon am vokalen Beispiel der Spirituals zu ersehen, anders benutzten. Gesicherte Erkenntnisse gibt es aber wie schon gesagt nicht.
In wieweit Dance-orchestras, Stringbands, die mit Geigen besetzt waren wirklich Jazz spielten, also in denen die Geigen auch improvisierten, kann nicht nachgewiesen werden.
Möglicherweise ist der Stil dieser Musiker oftmals euroamerikanisch geprägt im Stile der Society-dance-orchestras.


Foto: Das Original Superior Orchestra mit Bunk Johnson (stehend, 2. von links)
New Orleans 1910
Quelle: Polillo, Arrigo, Jazz, Geschichte und Persönlichkeiten, 1982, Goldmann Schott

Gläß meint die Geige sei deshalb nicht im Jazz vertreten, weil es musikalisch begründet wäre, sondern vermutet, dass musikkulturell-soziohistorische Gründe vorliegen:
Die Geige war und ist ein beliebtes Instrument der europäischen Kunstmusik. Wer Musik für ein nach europäischer Kultur strebendes Publikum machen wollte benutzte die Geige.
In der Frühzeit des Jazz finden wir die Geige in Tanzhallen und Hotels nicht auf der Straße.
Auch Berendt meint hierzu, dass die Rolle der Geige in den frühen Jazz-Bands mit der Rolle des Stehgeigers in der Wiener Kaffehausmusik zu vergleichen ist.

Für die Frühzeit des Jazz möchte ich hier noch auf den Aspekt des „sweetstuff” hinweisen, der in der Geschichte der Jazzgeige eine Rolle spielt.
Mit sweetstuff bezeichnen die US-Amerikaner den Einsatz von Streicher(Geigen)gruppen in der Unterhaltungsmusik, speziell in bläserorientierten Bigbands. Die Funktion der Geige ist hier, eine Klangkulisse zu schaffen; häufig spielen diese Geigengruppen (Strings) extrem hoch mit weicher Artikulation und viel Vibrato. Sie haben hier keine entscheidende Funktion, außer das sie die harmonische Struktur ausfüllen. Diese Strings runden den Klang ab und geben ihm Fülle. Auf der anderen Seite schwächen sie aber auch ab, sie runden die Ecken und Kanten was besonders in kommerzieller Hinsicht möglicherweise von Bedeutung war. Eine Möglichkeit den Jazz „europäischer”, „gesitteter” zu machen, damit er sich besser verkauft.
 

King Oliver´s Creole Jazz Band, San Francisco 1921
Quelle: Dauer, Alfons M., Der Jazz, 1958, Erich Röth-Verlag

Der Chicago-Stil und Swing

Durch den Eintritt der USA in den 1.Weltkrieg wurde New Orleans Kriegshafen, und dadurch das Vergnügungsviertel „Storyville”, durch ein offizielles Dekret des Oberbefehlshabers der Marine in New Orleans („Gefährdung der Moral”) geschlossen. Storyville war für die Entwicklung des Jazz von großer Bedeutung gewesen, und somit wurden auf einen Schlag zahlreiche Musiker brotlos.
Die meisten dieser Musiker gingen nach Chicago, wo der New Orleans Stil erst so richtig populär wurde.
Interessant ist auch, dass es zu dieser Zeit, also um 1920, zu einer Vermischung von den bisher getrennt existierenden Stilen Jazz und Blues kam. Dieses ist auch von Bedeutung wenn man über die Artikulation und Phrasierung des traditionellen Blues-Gesang, und sein Einfluß auf die Phrasierung im Jazz spricht.
In dem Stadtteil Southside, dem Viertel der Schwarzen in Chicago, entwickelte sich ein reges Jazzleben. Aus dem Nachahmungsversuch von ausschließlich weißen Studenten, Schülern und Amateuren, schwarze Musik, in diesem Fall den New Orleans Stil zu imitieren, entwickelte sich der Chicago-Stil.
Hauptunterschied zum New Orleans Stil ist in der Melodieführung zu finden, die nicht mehr gekennzeichnet ist durch das Geflecht der sich überkreuzenden Stimmen, sondern parallele Linien enthält, wenn überhaupt von mehreren Stimmen die Rede sein kann.
Ab dieser Zeit gewinnt das Solo an Bedeutung, die Improvisation als solche.102 Die Einführung der Solofolge, und die damit verbundenen Head-Arrangements sind für diesen Stil charakteristisch. Den Chicago-Stil kann man als Bindeglied zwischen New Orleans und Swing verstehen, da er schon Elemente des Swing enthält.

Ab etwa 1930 entwickelte sich in Harlem und Kansas-City vermehrt der sogenannte „Four-Jazz”, der Swing. Dieser Stil ist durch vier Schläge des Metrums, die gleichmäßig durchgeschlagen werden gekennzeichnet. Das Wort Swing ist im Jazz doppeldeutig, da es
1. die Bezeichnung für ein rhythmisches Element des Jazz, welches wir in allen Stilen und Phasen des Jazz wiederfinden und
2. die Bezeichnung für den Jazzstil der 1930er Jahre ist.

Und eben dieser Stil war überaus kommerziell erfolgreich. Bedingt durch die vom Chicago-Stil kommende europäische Prägung des Jazz. Führende Vertreter dieses Stils waren demzufolge auch viele Weiße.
Im Swing bilden vor allem bekannte Schlager die Basis für Jazzimprovisationen. Sicherlich hat die weitere Verbreitung der neuen Medien Schallplatte, Radio und Film zur Popularität des Swing beigetragen.
Der Charakter der Musik ist im Ausdruck schwächer als die vorherigen Stile, dafür gewinnt er an sauberer Intonation.
Der Swing ist weiterhin gekennzeichnet durch die Big Bands, auch gewinnt der Solist vor der Big Band weiter an Bedeutung.
Man kann sagen der Swing ist die geglättete Version des Frühen Jazz. Durch diese Nähe zur europäischen Musik finden sich auch im Swing besonders viele Jazzgeiger.
„Für die Rolle der Geige relevante Merkmale dieses Jazz finden sich in den Aspekten Repertoire, Klangideal, Virtuosität, Form und Ensembletypen.” 107

Und diese Merkmale stellten aufgrund der Tradition der Geige keinen Hinderungsgrund mehr dar, im Jazz eine Rolle zu spielen.
„Das einzige, was sie anders machen mussten als im traditionellen Geigen nach europäischem Vorbild, war, zu improvisieren und im Rhythmus des Swing zu spielen.”

 

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